
Die ARD-Korrespondentin erscheint auf dem Bildschirm in unseren Wohnzimmern und gibt für uns auf Anfrage des Nachrichtensprechers einen kurzen Bericht über die aktuelle Lage im Krisengebiet in und um Afghanistan.
Da Claudia Nothelle ihre Kindheit und Jugendjahre in Esch verbrachte, hat sich auch „Esch Aktuell" mit einer E-Mail an sie gewandt, um etwas über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen kennen zu lernen.
Ihre prompte Reaktion in Form der nachstehenden E-Mail vom 11. November hat uns sehr gefreut:
Lieber Herr Klee,
dass man sich in Esch noch an mich erinnert, freut mich natürlich ganz besonders. Denn mit meinem Heimatort verbindet mich doch eine besondere Beziehung (nicht nur, weil ich in meinem Leben bereits unzählige Male erklären musste, wo dieser kölsche Stadtteil denn nun liegt, dem ich ein so besonderes Flair zuschreibe ...).
Leider ist meine Zeit hier in Islamabad etwas knapp, deshalb nur in Kürze einige Informationen:
Am 16. September bin ich nach Islamabad geflogen. Der Auftrag dazu kam
letztlich ganz kurzfristig: Morgens um 11 Uhr bekam ich einen Anruf, ob ich um
14 Uhr fliegen könne .... Und da sich meine private Reiselust mit dem
beruflichen Reporterleben in diesem Fall gut verbinden ließ, habe ich nicht
nein gesagt. Seitdem bin ich _ mit zehntägiger Deutschlandunterbrechung _ hier
in Pakistan und habe in dieser Zeit viel über Land und Leute gelernt, was über
die augenblickliche Situation hinausgeht. Meine wichtigsten Gesprächspartner
dabei sind pakistanische Kollegen; sie organisieren uns Kamerateams und
Drehgenehmigungen, übersetzen Interviews, bei denen die Gesprächspartner nicht
Englisch sprechen, und erklären auch so manche ungewohnte Begebenheit. Als ich
zum ersten Mal einen hochrangigen Geistlichen interviewen wollte, war ich sehr
überrascht, dass er mir zur
Begrüßung nicht einmal die Hand gibt _ obwohl er alle Männer um mich herum
mehr als freundlich begrüßt hat. Für Deutsche mehr als unhöflich, für gläubige
Moslems selbstverständlich: Eine fremde Frau wird nicht berührt ....
Wir leben hier in Islamabad in einem großen Hotel, sind also mehr als gut untergebracht. Um so größer ist die Diskrepanz, wenn wir im Land zum Drehen unterwegs sind. Dabei bin ich bisher immer nur auf überaus gastfreundliche Menschen getroffen, die mich oft in ihre kleinen Wohnungen zu einer Tasse Tee (mit Milch!!) eingeladen haben. Die Menschen sind sehr freundlich und offen, auch wenn fast alle die Allianz gegen den Terror als Allianz gegen ihre Religion verstehen.
Die Uhr ist hier vier Stunden weiter, das heißt, wir arbeiten oft bis tief in die Nacht. (Wenn wir einen Beitrag für die Tagesschau um 20 Uhr haben, ist es hier bereits Mitternacht. Für die Tagesthemen überspielen wir um 2.30 Uhr hiesiger Zeit.)
Allzu lang ausschlafen können wir morgens trotzdem nicht. Das Leben in Pakistan beginnt auch für die Fernsehleute spätestens um 9.30 Uhr. Aber noch ist es zumindest tagsüber fast sommerlich warm, und immer wieder haben wir die Möglichkeit, die Sonne zu genießen. Ende November reise ich (wahrscheinlich) erst einmal wieder nach Deutschland. Als ich das letzte Mal in Leipzig ankam, fühlte ich mich fast fremd in Europa. Nicht nur, dass die Autos in Deutschland auf der anderen Seite fahren. Das Leben in Pakistan ist einerseits viel unberechenbarer, steckt voller Überraschungen. Andererseits haben die Menschen hier viel mehr Zeit. In den letzten zwei Monaten ist mir vieles wohl vertraut geworden hier. Die Welt sieht einfach anders aus, wenn man sie nicht von Europa aus betrachtet.
Das sind einige (etwas unsortierte) Gedanken von mir.
Wenn Sie noch Fragen haben, melden Sie sich.
Herzliche Grüße nach Esch
Claudia Nothelle
Natürlich hat „Esch Aktuell" (EA) das Angebot, weitere Fragen in
einer E-Mail an Claudia Nothelle (CN) richten zu können, gerne angenommen. In
wenigen Tagen erhielten wir zu unseren Fragen die entsprechenden Antworten.
EA: Wie steht es um Ihre persönliche Sicherheit?
CN: Meine persönliche Sicherheit ist nicht direkt bedroht. Ich habe viele spannende Situationen erlebt während meiner Zeit hier. Zum Beispiel war ich zum Drehen in Peshawar nahe der Grenze zu Afghanistan. Dort haben wir über eine Demonstration der Fundamentalisten berichtet und die Menge (alles Männer ...) war schon sehr aufgebracht. Sie haben mich auch umringt, etwas bestaunt und befragt. Danach wollte ich eine Situation drehen, in der ein Junge T-Shirts mit dem Bild von Osama bin Laden verkauft. Die vorher so freundlichen Männer wurden sehr aufgeregt und beschimpften mich (plötzlich sprachen sie sogar Englisch), etwas vorzutäuschen, was gar nicht passiert. Ich habe das dann abgebrochen, bin weggegangen und im Anschluss daran hat mein pakistanisches Team allein den T-Shirt-Verkauf gedreht - und das dann plötzlich ganz ohne Probleme. Solche Situationen sind nicht wirklich gefährlich, aber aufregend ... Ganz wichtig ist, die richtigen einheimischen Mitarbeiter zu haben, die einen vor den schlimmsten, gefährlichsten Fehlern bewahren. So ist es zum Beispiel auch nicht möglich, einfach in ein Flüchtlingslager zu gehen und über das Schicksal der Menschen dort zu berichten. Da würden schnell Steine auf die Menschen mit der weißen Hautfarbe fliegen. Manchmal dreht mein Team allein, manchmal - was mir natürlich lieber ist - reden wir vorher mit den Menschen und überzeugen sie, dass wir über sie berichten wollen, um ihnen zu helfen - nicht um ihnen zu schaden.
Vor einigen Wochen war auch die Lage in Pakistan durchaus angespannter - auch wenn wir nicht direkt mit einem Bürgerkrieg oder Putsch gerechnet haben. Aber im Laufe der Zeit entwickelt man auch persönliche Sensoren dafür, wo man hingehen kann und wo nicht. Es gilt, immer wieder abzuwägen zwischen Leichtsinn und journalistischer Neugier.
EA: Wie wird in Korrespondentenkreisen die Situation nach
dem 12./
13. November (gemeint ist die Einnahme Kabuls durch die Nordallianz) eingeschätzt,
auch im Hinblick auf die Zukunft Afghanistans?
CN: Eigentlich hat keiner damit gerechnet, dass die Nordallianz so schnell durchmarschieren kann. Der Krieg war schneller als die Politik sich das vorstellen konnte - und so sind die politischen Pläne auch noch nicht weit genug entwickelt gewesen, als die Nordallianz Kabul einnahm. Es ist in meinen Augen ganz wichtig, möglichst bald an der neuen Regierung Afghanistans zu arbeiten, an der alle Volksstämme beteiligt sind, die im Land leben. So etwas geht jedoch sicher nicht ohne die Unterstützung der UN. Denn schon in den letzten Tagen ist ja immer wieder über Plünderungen und Hinrichtungen durch die Nordallianz berichtet worden. Das Thema der nächsten Monate und Jahre in Afghanistan muss ganz sicher Menschenrechte und Demokratie heißen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass der Krieg (zumindest jetzt Mitte November) noch nicht vorbei ist. Auch wenn die Nordallianz alle größeren Städte hat - die Taliban haben sich in die Berge zurückgezogen und bereits einen Guerillakrieg angekündigt.
EA: Können Sie selbst jetzt von Pakistan nach Afghanistan?
CN: In den vergangenen Tagen haben einige Kollegen es geschafft, auf dem Landweg nach Kabul zu kommen. Ich habe gestern mit ihnen telefoniert, der Weg ist alles andere als sicher. Im Moment besteht auch nicht die Notwendigkeit für mich, nach Afghanistan zu gehen (die ARD hat zwei Kollegen vor Ort), so dass ich erst einmal abwarte. Andererseits reizt es mich natürlich sehr, die Situation in dem Land, das uns alle in den letzten Wochen so beschäftigt hat, auch mit eigenen Augen zu sehen.
EA: Wie groß ist die Not der Menschen und haben sich die Möglichkeiten für humanitäre Hilfe verbessert?
CN: Das wahre Ausmaß der Not kann man erst jetzt ermessen, wo ein
Zugang nach Afghanistan möglich ist. Die Hilfsorganisationen haben in den
letzten Wochen immer wieder davon gesprochen, dass sich die eigentliche
Katastrophe im Land abspielt. Die Menschen, die Flüchtlinge, die es in eins der
benachbarten Länder geschafft haben,
so sagen sie, sind die Glücklichen. Sie werden überleben. In Afghanistan
selbst sind Millionen Menschen, die dringend Hilfe zum Überleben brauchen:
Nahrungsmittel und vor allem warme Kleidung. Viele Kinder laufen barfuss im
Schnee. (Vielleicht sind auch in Esch warme Kindersachen übrig, die in
Afghanistan helfen könnten???)
Die Arbeit für die Helfer hat sich verbessert: zumindest ist jetzt eine bessere Verteilung möglich, der Zugang ist einfacher. Aber noch ist die Situation nicht genau abzuschätzen - deshalb sind viele ausländische Helfer noch nicht zurückgekehrt ...
EA: Wie ist die Lage in Bezug auf das Flüchtlingsproblem?
CN: Die Lage ist nach wie vor schwierig. In Pakistan will man die Flüchtlinge eigentlich nicht. Die Lager sollen möglichst nah an der Grenze sein - das heißt auf der anderen Seite: kein Wasser, natürlich keine Elektrizität, überhaupt keine Infrastruktur - die Versorgung verlangt eine logistische Meisterleistung. Viele der afghanischen Flüchtlinge sind auch bei Freunden und Verwandten untergetaucht - es ist daher völlig unklar, wie viele Flüchtlinge nach dem 11. September ins Land gekommen sind.
Zur Person
Claudia Nothelle (37) wohnte lange in Köln-Esch, studierte in Bonn und Mainz,
arbeitete zunächst für die Zeitung, bevor sie 1992 zum Landesfunkhaus Thüringen
des mdr kam, wo sie vier Jahre lang für das Fernsehen tätig war. Danach
wechselte sie in die Redaktion für die mdr-Magazine „Wir" und
„Fakt" und schließlich zu „ARD aktuell" in Leipzig.
Ab Mitte September 2001 verstärkt sie das ARD-Team in der Region, die vor dem 11. September kaum Beachtung erfuhr und jetzt im Weltinteresse steht.