Aus "Esch Aktuell" Nr. 90/August 1997
Von Romie Esser
Seit einem Jahr proben wir nun Woche für Woche den Ernstfall. Heute wird sich zeigen, ob sich die Mühe gelohnt hat . Die liebevoll gestalteten Bühnenbilder sind, dank der fabelhaften Schumaker-Boys, Oswald und Josef, eine wahre Augenweide und jedem Darsteller mittlerweile so vertraut, wie die eigenen vier Wände.
Draußen vor dem Martinushaus ist schon alles für die Besucher vorbereitet. Viele Helferinnen und Helfer sind gekommen, um die Gäste mit Schnittchen, Sekt, Bier und Saft zu bewirten. Die ersten Besucher treffen bereits ein, um sich bei einem Glas Sekt auf den zu erwartenden kulturellen Hochgenuß einzustimmen. Manche Gesichter sind mir völlig unbekannt. Also muß unsere Werbung wohl über die Dorfgrenzen hinausgegangen sein. Jedenfalls sind alle gut gelaunt und voller freudiger Erwartung.
Jetzt ein Blick in die Garderobe der Künstler. Hier herrscht eine Temperatur wie im tropischer Regenwald, denn das Lampenfieber hat längst die 40° Marke überstiegen. Kalkweiße Gesichter umgeben mich, und der Angstschweiß fließt in Strömen. Kaum einer spricht - es sei denn, er flüstert hektisch irgendwelche Textstellen vor sich hin. Einige wühlen verzweifelt nach fehlenden Requisiten oder kontrollieren zum 175. Mal vor dem Spiegel den Sitz der Perücke. Frau Henn, unsere Maskenbildnerin, ist unermüdlich und mit bewundernswerter Ruhe im Einsatz und zaubert Ausstrahlung und jugendliche Frische in die farblosen, angstverzerrten Gesichter. Selbst unsere Souffleuse hat die mühsam erworbene Vorurlaubsbräune verloren und sich rein äußerlich dem Wandanstrich im Martinushaus angepaßt. Sie hat heute ihr Debüt im "Flüsterkasten" und die Nerven blank, weil sie nicht weiß, welche Textvarianten die Darsteller heute wählen werden.
Mein Job ist diesmal "Mädchen bzw. Frau für Alles", und ich wünschte, ich hätte einfach nur eine Rolle und dürfte mitspielen. So jedoch habe ich keinerlei Einfluß auf das, was gleich auf der Bühne geschehen wird, aber in jedem Fall die Verantwortung, wenn etwas schiefgehen sollte. Nach Ansage der Darsteller habe ich mir gestern bei der Generalprobe einen unverzeihlichen "Schnitzer" bei der Bedienung des Vorhangs geleistet und eine Mitspielerin, deren Schuhe sich partout nicht schließen ließen, zu spät auf die Bühne geschickt. Die Panik im Nacken, bemühe ich mich verzweifelt, Zuversicht und gute Laune zu verbreiten, werde aber das Gefühl nicht los, daß meine seelische Aufbauarbeit ungehört im Raum verhallt. Ich danke Gott, daß ich im Kindergarten und nicht im Theater angestellt bin und sehne mich nach meiner Couch.
Da ertönt die erste Glocke, und der Zuschauerraum füllt sich. Ein aufmunterndes Augenzwinkern von "Böcklein" alias Maria Schumacher, und ich mache mich bereit für die Ansage - dem wohl undankbarsten Job bei dieser Veranstaltung. Der zweite Glockenschlag - alle Zuschauer haben Platz genommen. Glücklicherweise gibt es keine leidigen Probleme mit der Sitzordnung. Der dritte Glockenschlag - der Zuschauerraum ist abgedunkelt. Nur ein einsamer Scheinwerfer erwartet mich mit meiner Ansage. Außer dem ersten Satz, den ich seit heute morgen acht Uhr monoton vor mich hin murmele, fällt mir nichts mehr ein. Aber sämtliche Helfer draußen drücken mir die Daumen, und so kann ja eigentlich gar nichts schiefgehen. Alles Erwähnenswerte fällt mir rechtzeitig ein und bis auf meine zittrige Stimme läuft alles glatt. Zweihundert erwartungsvolle Gesichter sind auf die Bühne gerichtet, als der Vorhang endlich aufgeht. Das Spiel vom "Wahren Jakob" beginnt. Meine Daumen sind auf Posten und meine Gedanken bei denen, die jetzt da oben stehen und ihr Bestes geben, und natürlich bei der Souffleuse, die einsam mit der ganzen Verantwortung in ihrem Kasten hockt. Von Beginn an gehen die Zuschauer begeistert mit, geben viel Szenenapplaus und haben viel Spaß an den tausend Verwicklungen und Mißverständnissen, die den Hauptdarsteller in seiner Verzweiflung schließlich auf den Wohnzimmerschrank treiben. Die Darsteller übertreffen sich selbst und spielen von Akt zu Akt immer lockerer auf. Der Schlußapplaus ist überwältigend und entschädigt uns alle für die mühsame, wochenlange Probenarbeit. Nach dem ersten Vorhang blickt man in zwölf strahlende, erleichterte und, mit Recht, stolze Gesichter. Es gibt Blumen und Sekt für das ganze Team und nach dem 3. Vorhang endlich ein wohlverdientes, mit zittriger Hand zum Mund geführtes, leckeres Kölsch.
Für Darsteller und Zuschauer steht eines fest - die Mühe hat sich gelohnt und unser Dank gilt allen, die zu diesem "Bombenerfolg" beigetragen haben.