Aus "Esch Aktuell" Nr. 89/April 1997

THE WINNER TAKES IT ALL

Von Romie Esser

Wer hätte das gedacht, als wir uns im August '96 aus Jux beim Köln-Check-Spiel anmeldeten! Aus dem Spaß wurde bald Ernst; denn seltsamerweise waren wir uns darin alle einig: Der Sieg gehört uns!
Jeder Feierabend war ab jetzt ausgefüllt mit Pauken und Lernen. Sämtliche Stadtführer wurden studiert, Köln-Spiele auswendig gelernt und Nachrichten mitstenografiert. Nervosität und Prüfungsangst griffen um sich, und manches Familienmitglied hatte unter unserem Lerneifer zu leiden.
Beseelt von dem Gedanken, gemeinsam in die Karibik zu reisen, spornten wir uns gegenseitig an und gaben uns das nötige Selbstvertrauen.
Dann kam der Tag X, und wir hatten wirklich unser Ziel erreicht. Wir waren die Champions! Und nicht nur das - die neun Frauen, die täglich zusammen arbeiten, waren zu einem Team zusammengewachsen, das gemeinsam durch dick und dünn ging. Heulend lagen wir uns in den Armen und konnten unser Glück gar nicht fassen. Kindergarteneltern, Freunde und Bekannte überhäuften uns mit Glückwünschen, Blumen und Sekt. Unser Chef verkündete unseren Sieg sogar in der Kirche von der Kanzel, und ganz Esch freute sich mit uns. Soviel Anteilnahme hatten wir nicht erwartet.
Wir waren sehr glücklich und stolz wie Oskar. Am liebsten hätten wir uns den Titel "Köln-Check-Gewinner" auf die Stirn tätowieren lassen. Aber auch ohne dieses äußere Kennzeichen gelang es uns mühelos, so ziemlich jedem - ob er es wissen wollte oder nicht - unsere Story zu erzählen. Ob beim Bikinikauf für die anstehende Reise oder bei den erforderlichen Impfungen - jede Verkäuferin, jeder Arzt, jede Bankangestellte wurde erbarmungslos informiert.
Bald stand der Termin unserer Reise fest, und Dank unser phantastischen Kindergarteneltern und der Großzügigkeit unseres Arbeitgebers war es möglich, daß wir alle gemeinsam fahren konnten. Nach Karneval sollte es losgehen, aber vorher mußte natürlich noch ausgiebig Fastelovend gefeiert werden, und zwar - wie sollte es anders sein? - nach karibischem Vorbild. Der Kindergarten verwandelte sich in eine tropische Palmenlandschaft, bei der Elternparty schlürften wir probehalber schon mal einen köstlichen Cocktail an der Strandbar, und bei der Frauensitzung unter dem Thema "karibische Nächte" tanzten wir zu kölscher Samba-Musik.
Nach Aschermittwoch blieben uns dann nur noch drei Tage zum Waschen, Bügeln und Kofferpacken. Der Run auf Sonnencremes, Dollarnoten und evtl. erforderliche Medikamente begann. Karnevalskostüme wurden weg- und Sommerkleider eingepackt. 
Versehen mit dem Reisesegen von Kaplan Jahn ging es am Montag um 4.30 Uhr vom Breslauer Platz aus los. Ein Bus der Fluglinie "Martinair" sollte uns dort abholen. Als wir am Bahnhof eintrafen, erwartete uns eine Riesenüberraschung: 20 Freunde hatten sich trotz nachtschlafender Zeit aus den Betten gerappelt, um uns einen denkwürdigen Abschied zu bereiten. Ausgerüstet mit weißen Tüchern sangen sie uns zum Abschied: "Wenn ich su an ming Heimat denke ..." und wünschten "Gute Reise und glückliche Heimkehr!" Wir verdrückten vor Rührung ein paar Abschiedstränchen und dachten: "Echte Fründe" sind eben auch morgens um 4.30 Uhr für eine Überraschung gut!
Im Bus hätten wir gerne noch etwas Schlaf nachgeholt, aber daran war nicht zu denken. Über Bordfernseher gab's den Film "Twister", und wir wurden gnadenlos und lautstark von Orkan zu Orkan gewirbelt. Reichlich aufgekratzt und mit einer Sturmphobie im Handgepäck, trafen wir gegen 9.00 Uhr am Flughafen in Amsterdam ein. Alles lechzte nach einem Kopje Koffie, und nachdem wir eingecheckt hatten, ging's gleich ins nächste Restaurant. Aber das flaue Gefühl im Mangen ließ sich auch durch ein leckeres Frückstück nicht verdrängen. Beate, unsere flugbegeisterte Leiterin, bemühte sich vergebens, die sieben, von Flugangst gepeinigten Miststreiterinnen aufzumuntern, und als wir um 11.55 Uhr unsere Plätze in der Boing 767 einnahmen, war auf fast allen Gesichtern die mühsam erworbene Sonnenbankbräune zu einer kalkweißen Gesichtsfarbe geworden. Nach dem Motto: "Gemeinsamt sind wir stark!" bildeten wir eine "Achtermenschenkette" und katapultierten uns so unbeschadet in die Atmosphäre.
Bei 10 Stunden Flugdauer hat man irgendwann seine Angst abgelegt, und so waren wir nach fünf Stunden alle bereit zu einem fröhlichen "Bergfest" mit Sekt und Rotwein. Die letzten fünf Stunden saßen wir dann eingepfercht im wahrsten Sinne des Wortes "auf einer Backe" ab, und einige "Tollkühne" brachten es sogar fertig, bei der Landung todesmutig aus dem Fenster zu schauen. Jetzt waren wir alle gespannt, welchen Empfang sich Radio Köln für uns hatte einfallen lassen. Aber "gepfiffen!" Kein Empfang! Hunderte von Reiseleitern mit Hotelschildern, aber keiner für uns. Übereifrige Kofferträger zerrten an unserem Gepäck, und wir zerrten zurück. Nach kurzer Beratung (unter gespannter Beobachtung der verschmähten Gepäckträger) entschlossen wir uns, auf eigene Faust loszufahren. Wir bugsierten unser Gepäck in zwei Kleinbusse und düsten in halsbrecherischem Tempo (auf Wunsch des Taxifahrers unangeschnallt und vorwiegend auf der Gegenfahrbahn) ins Landesinnere. Der vorher ausgehandelte Fahrpreis war unserem Taxifahrer wohl doch zu mickrig, denn beim Ausladen war von seinem vorherigen Übereifer nichts mehr zu bemerken. Entnervt und übermüdet wuchteten wir unsere Gepäck also selbst aus dieser Höllenmaschine, um es dann gleich von zwei freundlichen, Tropenhelme tragenden Boys einkassieren zu lassen. Auch hier bewirkten unsere leuchtend gelben Kofferaufkleber von Radio Köln keine Reaktion. Niemand an der Rezeption, der uns als Gewinner ausmachte und begrüßte! Aber das kannten wir ja nun schon, und innerhalb von zwei Minuten war das gesamte Rezeptionspersonal über unseren Gewinn informiert. Gratulationen, Begrüßungscocktail, Zimmerschlüssel und "All-inclusive-Armband".
Dann aber hieß es erst mal: Schnell aufs Zimmer, Koffer auspacken, raus aus den Winterklamotten und dann auf Besichtigungstour. Da gab es wirklich was zu sehen: Palmen überall, tropische Pflanzen, "Hola" - rufende Hotelangestellte, sonnengebräunte, Cocktail schlürfende Gäste und immer wieder ungläubige Gesichter, die unseren Haufen heimlich durchzählten. Acht Frauen im Pulk waren schon ungewöhnlich, und als wir uns im Speisesaal am großen runden Tisch niederließen, wurde ringsum heimlich spekuliert. Vom Bridgeclub bis zum Damen-Achter gingen die Vermutungen, wie wir später erfuhren. Für uns natürlich immer wieder die willkommene Gelegenheit, unsere Gewinnstory zu erzählen. Wie sagte der sympathische ältere Herr aus Kanada, den ich auf dem Weg zum Strand kennenlernte: "Wie schön, daß ich einmal im Leben einer echten Gewinnerin gegenübersitze". 
Wie echte Gewinner fühlten wir uns auch. Trotz Regen und - bei der einen oder anderen anfangs auch etwas Heimweh - sah man ständig glückliche Gesichter, acht lachende und unbeschwerte Frauen, die für eine Woche den Alltagsstreß vergessen konnten und sich verwöhnen ließen. Unsere einzigen Probleme waren: Wie viele Gänge ans Büfett kann ich mir noch leisten? Welchen Lichtschutzfaktor soll ich auftragen? Muß ich mich noch mal eincremen? 
Das Tollste aber war wohl, daß wir uns alle so gut verstanden haben, daß sich so viele Leute mit uns gefreut haben und daß wir die Erinnerung an diese Reise miteinander teilen können!