Kölner Stadt-Anzeiger, 08.05.200

Kritisch begutachtet Hanns Courth seine Schilfpflanzen, die nach dem langen Winter erst wieder grüne Triebe bekommen müssen
Bild: DEMME
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Esch - Auch heute noch ist der denkmalgeschützte Wernershof ein ländliches Idyll am Rande der Großstadt. Vor dem Hof blöken Schafe. Hühner laufen gackernd herum. Hier, im Herzen von Esch, lebt Hanns Courth mit Ehefrau Margret und seinen vier Kindern. Die Milchkühe und Schweine hat er schon vor zehn Jahren abgeschafft. „Das zahlt sich einfach nicht mehr aus.“
Der 60-jährige Bauer Courth kann sich glücklich schätzen. Die 160 Hektar Acker, die er bewirtschaftet, sind von den Nachfahren des Grafen Berghe von Trips gepachtet. Eine Kündigung der Pachtverträge durch die Stadt Köln hat er - anders als viele seiner Berufskollegen - daher nicht zu befürchten. Auch liegen seine Flächen weit weg von Vater Rhein. Sie sind daher nicht betroffen von den Plänen der Stadt, auf bisher landwirtschaftlich genutzten Böden Rückhaltebecken für das Hochwasser des Rheins zu schaffen.
Trotz Preisverfall, Subventionsdschungel und kräftezehrender Arbeit - Hanns Courth ist immer noch Landwirt mit Leib und Seele. Aber auch er muss darauf achten, dass sich die Arbeit unterm Strich noch rechnet. Daher hat er sich vor einigen Jahren mit seinem Schwager und einem weiteren Landwirt in Esch zusammengeschlossen. „Wir versuchen, durch die Bündelung gemeinsamer Interessen die Kosten zu drücken, wo es nur geht“, erklärt Courth.
Aufgrund sinkender Getreidepreise auf dem Weltmarkt erhält ein Landwirt heute nur noch rund zehn Euro pro Doppelzentner. Damit hat sich der Preis für Getreide in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert. Die Ernte erbringt 80 Doppelzentner Weizen und 60 Doppelzentner Sommergerste pro Hektar. Als Ausgleich für die gesunkenen Preise erhalten die Bauern rund 350 Euro pro Hektar. Damit sind sie in ihrer Existenz von den Ausgleichszahlungen der EU abhängig.
Wie schon vor elf Jahren, baut Hanns Courth Winterweizen und Braugerste an. Allerdings hat der Sturz der Getreidepreise den Escher Bauern, wie viele Landwirte im Kölner Raum, dazu bewogen, rund ein Drittel seiner Felder auf Zuckerrüben umzustellen. Auch beim Anbau von Zuckerrüben kann er nicht selbst entscheiden, wie viel angebaut werden soll, will er nicht auf seinen Knollen sitzen bleiben. Denn seine Abnehmer, die Zuckerfabriken in Elsdorf und Jülich, erhalten bestimmte Kontingente von der EU, die sie pro Jahr produzieren dürfen. Entsprechend dieser Mengen handeln sie mit Courth und den übrigen Zuckerrübenbauern der Region aus, wie viele Rüben auf ihren Feldern wachsen dürfen.
Werner Havranek, Geschäftsführer der Kreisbauernschaft Köln-Erftkreis, erklärt: „Der Zuckermarkt ist der einzige Bereich in der Landwirtschaft, der noch ohne Subventionen funktioniert. Leider läuft die Zuckermarktordnung Ende 2005 ab.“ Die Landwirte befürchten, dass sie dann auch bei Zuckerrüben, ähnlich wie bei Getreide, durch einen Verfall der Zuckerpreise abhängig werden von den finanziellen Zuwendungen der EU.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen für deutsche Landwirte kann Courth die Klagen vieler Berufskollegen nicht verstehen. „Bauern sind so bodenständig. Bevor die ihren eingefahrenen Weg verlassen, muss schon viel passieren!“ schimpft er aufgebracht.
Hanns Courth selbst hat frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt. Er betreibt bereits seit vielen Jahren einen Gartenbaubetrieb. „Wir haben mit Papieraufheben und Gras mähen angefangen.“ Mittlerweile ist dieser Betrieb zu einem wichtigen Standbein geworden: Immerhin 19 Festangestellte, darunter auch einen Diplom-Ingenieur, beschäftigt Courth im Gartenbau. In der Saison müssen einige von ihnen auch auf dem Feld mit anpacken. Rund ein Drittel seiner Aufträge erhält Courth von der Stadt Köln. Aber auch Wohnungsbaugesellschaften und private Kunden vertrauen ihm die Gestaltung und Pflege ihrer Grünanlagen und Gärten an.
Eines beweist Bauer Courth ganz gewiss: Erfinderisch muss ein Landwirt sein, will er sich in der heutigen Zeit sein tägliches Brot verdienen. So heißt das jüngste Projekt: Schilf! In 2000 Quadratmeter großen Wasserbecken, die zehn bis 20 Zentimeter tief sind, werden Kokosmatten ausgelegt. Kleine Schilfpflänzchen, die der emsige Landwirt aus Tschechien importiert, finden vorübergehend eine neue Heimat in Courths Wasserbecken. Nach einem halben Jahr holt der Bauer sie mitsamt den Kokosmatten vorsichtig heraus und verlegt den Schilf, ähnlich wie Rollrasen, in den Gärten seiner Kunden.
Bauer Courth bleibt sich und seinem Berufsstand treu. Das gilt auch für die Entwicklungshilfe, die er seit 30 Jahren in Brasilien leistet. Jedes Jahr im Januar packt er für zwei Wochen die Koffer, um Bauern in Südamerika zu zeigen, wie man ein Feld bewirtschaftet. „Dann geht einem als Landwirt das Herz auf“, schwärmt er. Schwer vorstellbar, dass Courth irgendwann seine Stiefel an den Nagel hängen und in Rente gehen wird. Tritt eines der Kinder - sie sind zwischen 15 und 20 Jahre alt - in seine Fußstapfen? „Die interessieren sich alle mehr für andere Berufe. Nur beim Jüngsten habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben“, sagt Courth nachdenklich.