Kölner Stadt-Anzeiger, 11.06.2003

Hochbetrieb am verbotenen See

Wegen Hochwassers ist der Escher See gesperrt - doch die Kölner ignorieren Verbotsschilder und verschlossene Türen.

VON UTE BÄUCHL

Esch - "Betreten verboten" warnen die Schilder der Stadt Köln an der Zaunanlage des Escher Sees, und die Pforten sind geschlossen. Doch davon lassen sich zahlreiche Badefreunde, die an den heißen Tagen eine Abkühlung suchen, nicht abschrecken: Kinder, Jugendliche und ganze Familien klettern über das geschlossene Stahltor und helfen sich gegenseitig, die Picknicktaschen darüber zu hieven. Jemand hat sogar eine Holzleiter hingestellt, um das "unbefugte Betreten" für alle zu erleichtern. "Das Baden hier zur schönsten Jahreszeit lass ich mir einfach von niemandem nehmen", sagt eine Besucherin. Das fehlende Aufsichtspersonal, die langsam wachsenden Müllberge und die Gefährdung des Eingangsbereichs des Sees scheinen dabei niemandem den Badespaß zu verderben.

Denn gerade weil zurzeit auf Grund des hohen Wasserstands der Badestrand überflutet ist, ist kein sicherer und geländeschonender Zugang ins Wasser möglich. Deshalb hat die Stadt den offiziellen Badebetrieb bis auf weiteres untersagt.

Dabei scheint das Hochwasser der Stadt auch ganz gelegen zu kommen: Denn auch bei normalem Wasserstand müssten die Pforten des Naturfreibades in diesem Jahr geschlossen bleiben - schließlich gibt es zurzeit keinen Pächter, der einen offiziellen Badebetrieb mit Aufsichtspersonal gewährleisten könnte. Bislang sorgte die KölnBäder GmbH dafür, und zwar ohne dafür Eintritt von den Gästen zu verlangen. Doch im Rahmen der Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen wurde der Vertrag nicht verlängert. "Auf Grund der dramatischen Haushaltssituation können wir uns das kostenlose Baden im Escher See einfach nicht mehr leisten", sagt Dieter Sanden, Leiter des Sportamts. Zwei private Pächter haben bereits ihr Interesse an dem Gelände, "verbunden mit Eintrittsgeldern und Gastronomie", angemeldet -  derzeit klärt das Sportamt mit den Aufsichtsbehörden, ob dies überhaupt möglich sein könnte.

Auf jeden Fall kann die Aufnahme eines Badebetriebs am Escher See in diesem Sommer nicht mehr gewährleistet werden, meint Sanden. Durch regelmäßige Polizeikontrollen sollen die Wildbadenden, die sich aber durch ihr Verhalten nicht strafbar machen würden, abgeschreckt werden. Sanden appelliert an die Escher Badefreunde, aus Gründen des Naturschutzes und vor allem auf Grund der - oft unterschätzten - Gefahr des Badens ohne Aufsicht, doch die beiden anderen Naturfreibäder in Köln zu nutzen.

Im Vingster und im Fühlinger See können Badefreunde nämlich schon bald - und ganz legal - mit den Enten um die Wette schwimmen: Am ersten Juli werden die beiden Baggerseen ihre Tore öffnen. Seit zwei Wochen laufen die Saisonvorbereitungen bereits auf Hochtouren. Auch diese beiden Seen sind im Zuge des Rheinhochwassers über ihre Ufer getreten. Fast jedes Jahr wiederholt sich dieses Phänomen. Horst Meyer, Leiter des Bürgerzentrums Chorweiler, hat sich ausführlich mit der Hochwasserproblematik beschäftigt: "Ausschlaggebend ist der Grundwasserspiegel, der enorm steigt, sobald der Rhein zu viel Wasser führt." Mit einiger zeitlicher Verzögerung treten dann auch die Seen über die Ufer. Erst wenn die Pegelstände sinken, können die Ufer betreten und die Seen zum Baden genutzt werden. Im vergangenen Jahr war das bei beiden Naturfreibädern bereits Mitte Juni der Fall, in diesem Jahr erst ab Anfang Juli. "Falls es die Witterungsverhältnisse aber erlauben, werden wir die Bäder auch schon früher öffnen können", sagt Achim Fische, Marketingleiter der KölnBäder GmbH.

Wenn das Gewissen baden geht: Trotz Verbotsschildern und geschlossener Pforten strömen zahlreiche Badefreunde per Hilfsleiter in das - offiziell geschlossene - Naturfreibad Escher See.

BILD: BÄUCHL