Kölner Stadt-Anzeiger, 12.12.2002

Mit Vorurteilen aufgeräumt

Illustre Gesprächspartner kamen zum "Talk unterm Turm" nach Esch: Ein Amerika-Reisender, ein Mann, der Kinder von der Straße holt, und der Feuerwehrchef der Kölner Innenstadt.

VON SIMON BECKER

Esch - Zwei Mal im Jahr laden die Damen der katholischen Frauengemeinschaft St. Martinus zum "Talk unterm Turm". Zwei Abende, an denen im Saal unter der Martinus-Kirche ganz sicher kein einziger Platz mehr frei bleibt. Denn die Überraschungsgäste, die aus ihrem Leben oder über ihren Beruf plaudern, sorgen immer für kurzweilige Unterhaltung.

Nico Loh zum Beispiel. Der 17-jährige Escher war zehn Monate nach Übersee gefahren, um dort als Gastschüler in den Vereinigten Staaten eine neue Welt zu erleben. In der Nähe von Washington D.C. lernte er nicht nur ein völlig anderes Schulsystem kennen. Er lernte viele neue Freunde kennen und konnte nach seiner Rückkehr mit so manchem Vorurteil aufräumen ("Die Amerikaner essen nicht den ganzen Tag Fastfood."). Doch Nico erlebte nicht nur gute Zeiten in den USA. Am 11. September 2001 war er gerade ein paar Wochen im Land - und erlebte den Terror-Schock hautnah mit. Doch sein Fazit nach den zehn Monaten lautet: "Ich kann allen Schülern nur raten: Fahrt ein Jahr ins Ausland, es bringt euch so viel."

Nico Loh berichtete über seinen USA-Aufenthalt      Bild: Becker

Der zweite Gast in Esch, der unterm Turm talkte, war an diesem Abend Ulrich Nolden. Er arbeitet seit Jahrzehnten in Chorweiler. Auch er konnte mit einigen Vorurteilen aufräumen. "In Chorweiler gibt es ein Nebeneinander der Menschen wie sonst in keinem Kölner Stadtteil." Gerade die Menge der unterschiedlichen Kulturen trage dazu bei, dass keine Kultur ausgegrenzt werde. "Es gibt ein echtes Wir-Gefühl." Nolden, der dem Verein "Kindernöte" vorsteht, weiß, wovon er spricht. Er bewegt mit seinem "Straßen-Kinder-Projekt" Jungen und Mächen in Chorweiler dazu, sich in Gruppen sinnvoll zu beschäftigen, anstatt nur abzuhängen und auf die schiefe Bahn zu geraten. Sein besonderer Stolz nach all den Jahren: "Kinder, die wir von der Straße geholt haben und die jetzt erwachsen sind, wollen selbst Gruppenbetreuer in Chorweiler werden."

Dritter und letzter Gast des Abends war Jürgen Schäfer, der als Feuerwehrmann die Wache in der Innenstadt leitet. Er konnte spannende Geschichten aus dem Alltag der Brandbekämpfer erzählen. Schäfer muss täglich den Arbeitsablauf von mehr als 100 Männern organisieren und dafür sorgen, dass die Fahrzeuge in Schuss sind. Dass es doch des öfteren eng werden kann, zeigte sich erst vor Kurzem: Bei einem Sturm gingen innerhalb einer Viertelstunde 470 Anrufe ein. "Da stoßen wir an unsere Grenzen", so Schäfer. Aber irgendwie schaffen es die Männer von der Feuerwehr dann doch immer wieder.

Die "Rappelköpp", ein Mundart-Kinderchor aus Esch, rundete den Abend ab. Mit ihren Liedern lockerten die Jungen und Mädchen die Zeit zwischen den Gesprächsrunden auf.

 

Nico Loh berichtete über seinen USA-Aufenthalt. BILD: BECKER