Kölner Stadt-Anzeiger, 31.10.2002

Unterwegs mit Jitta, Quetsch und Leedcher

Ein Escher Jung pflegt die Mundart

Der 69 Jahre alte Willi Nettesheirn beschäftigt sich intensiv mit der kölschen Sprache und Kultur und bietet Lesungen und Vorträge an.

VON STEFFI MACHNIK

Das Runzelkäätche ist ein Fahrschein für Senioren

  Willi Nettesheim aus Esch ist eine feste Größe in der Kölner Mundartautoren-Szene

BILD: MACHNIG

Esch - "Wissen Sie, was ein Mölmpupper ist un et Runzelkäätche?" Mit dieser Fangfrage führt Willi Nettesheim seine Zuhörer gerne aufs Glatteis, und sogar die, die noch selbst Kölsch sprechen, müssen bei der Antwort häufig passen, Schon fast in Vergessenheit geratene "kölsche Rümcher, Verzällcher und Leedcher" hat der Mundartautor aus Esch parat, wenn er vom Niederrhein bis ins Oberbergische und von Langenfeld bis Bad Breisig unterwegs ist. "Kölsch macht mir Spaß, und ich möchte mit meinen Vorträgen unsere Mundart lebendig erhalten."

Schuld an der zweiten Karriere des ehemaligen Ford-Ingenieurs war ein Kölner Karnevalist: Franz Röder alias Amadeus Gänsekiel - und der Vorruhestand. "Ich hatte Röder bei einem Vortrag im Belgischen Haus erlebt und war so begeistert, dass ich dachte, das kannst du auch. Schließlich bin ich mit der kölschen Sprache groß geworden."

Der gebürtige Lövenicher besuchte die "Akademie för uns kölsche Sproch", machte sein Kölsch Examen und auch das Kölsch-Diplom. 1998 erhielt er eine ganz besondere Auszeichnung: "In einer wissenschaftlichen Untersuchung der Kölsch-Akademie und des Landschaftsverbands Rheinland wurde ich als bester Kölsch-Sprecher ermittelt."

So ausgerüstet, geht er zu Lesungen in Schulen, Theatern und Bibliotheken, zu Vereinen und in Pfarreien. Dabei hat der 69-jährige Ruheständler oft zu spüren bekommen, dass der Dialekt im Rückgang begriffen ist. "Aber die Pflege der kölschen Mundart gehört doch zu unserer Kultur."

Diese Pflege betreibt Willi Nettesheim seit mehr als zehn Jahren, die vergangenen fünf Jahre besonders intensiv. In der Vorbereitung seines neuen Programms "Kölsche, Hellije un Orijinale" stecken schon mehr als 40 Stunden Arbeit. Und "nur" eine Lesung bietet der Kölsch-Autor schon lange nicht mehr, alte kölsche und eigene Lieder trägt das Multitalent zu "Quetsch un Jitta" vor.

Mittlerweile stammt der größte Teil seiner Texte aus der eigenen Feder, viele Gedichte sind dabei: "De Rümcher mache mer mih Spaß, dat flutsch mer besser vun d'r Zung." Kölsch sei deftig, aber auch höösch (vorsichtig), erklärt Nettesheim, der auch zwei eigene Bücher - natürlich op kölsch - veröffentlicht hat. Darin erzählt er nicht nur liebevoll von der alten Zeit, sondern bietet auch sozialkritische Themen. "Das spricht eher die jüngeren Leute an." In Planung sind, zusammen mit der "Akademie för uns kölsche Sproch" weitere Projekte, für die er noch Sponsoren sucht.

Doch eines ärgert den erfolgreichen Mundartdichter sehr: "Während der lit.COLOGNE gab es keinen einzigen Beitrag in Mundart." So ist es denn für Nettesheim kein Wunder, dass der Mölmnpupper, eine "kleine gedrungene Person, deren Blähungen auf der Straße den Staub (Mölm) aufwirbeln" immer seltener und der neuere kölsche Ausdruck Runzelkäätche für Seniorenfahrschein gar nicht richtig bekannt wird.

Kontakt: Willi Nettesheim, Telefon: 0221/590 15 95